Unternehmensethik muss mehr sein als nur Marketinggag

Am 9. Juli hatte ich die außerordentliche Ehre, eine Paneldiskussion in der Britischen Botschaft moderieren zu dürfen. Das Thema “Ethik im Gesundheitswesen” – Gastgeberin war die Britische Botschafterin, Susan le Jeune d’Allegeershecque, die die Veranstaltung auch eröffnete. Nachstehend eine Zusammenfassung dieser  – wirklich spannenden – Diskussion unter meiner Leitung:

Madam Ambassador Susan le Jeune d`Allegeershecque. (c) https://www.nationalarchives.gov.uk/doc/open-government-licence/version/3/

Madam Ambassador Susan le Jeune d`Allegeershecque. (c) https://www.nationalarchives.gov.uk/doc/open-government-licence/version/3/

Immer strengere Antikorruptionsregeln, die Forderung der KonsumentInnen nach mehr Transparenz in Unternehmen, aber auch der Wunsch von Unternehmensvorständen und MitarbeiterInnen selbst nach ethischem Handeln, hat auch und gerade in der Pharmaindustrie nachhaltige Veränderungsprozesse angestoßen.

Für britische Pharmaunternehmen gelten dabei seit einiger Zeit besonders strenge Regeln (Stichwort ABAC – Anti bribery and Anti-Corruption). Und sie gelten nicht nur in Großbritannien, sondern sind extraterritoriales Recht – diese Regeln betreffen also auch Niederlassungen britischer Unternehmen in anderen Ländern.

Um festzuhalten wie es um Ethik in Unternehmen, speziell in Pharmaunternehmen, in Österreich bestellt ist, lud die Britische Botschaft am 9. Juni ein hochkarätiges Panel zur Diskussion. Über 70 Gäste folgten der Einladung. In der Panelrunde sprachen neben dem Wiener Ärztekammerpräsidenten Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, Dr. Roman Gamerith (Vice President & Cluster Area Head Central Europe von GlaxoSmithKline), Privatdozent Dr. Johannes Pleiner-Duxneuner (Medical Director von AstraZeneca Austria), Dr. med. Franz Piribauer, MPH – Harvard (Geschäftsführer der PiCo Unternehmensberatung und Gesundheitssprecher von Transparency International Österreich) sowie Mag. Martin Schaffenrath, MBA, MBA, MPA (stellvertretender Vorsitzender des Hauptverbandes der Österreichischen Sozialversicherungsträger).

Die Veranstaltung wurde offiziell durch die Britische Botschafterin Susan le Jeune d’Allegeershecque eröffnet. In der anschließenden Keynote-Präsentation mit dem Titel „Doing well by doing good – Über den instrumentellen Nutzen der Unternehmensethik“ stellte FH-Prof. Dr. Markus Scholz M.Sc von der Fachhochschule Wien gleich zu Beginn klar, dass Regeln zur Transparenz und Ethik sowie Maßnahmen gegen Korruption zwar selbstverständlich zuerst einmal vom obersten Management eines Unternehmens beschlossen und in die Tat umgesetzt werden müssen. Um derartige Regeln dann allerdings im Unternehmen zur gelebten Realität werden zu lassen, müssten sie nachhaltig in allen Abteilungen und mit allen MitarbeiterInnen erlernt und umgesetzt werden.

Lippenbekenntnisse oder Ethik als Marketinggag dagegen seien sinnlos, damit verschwende man nur finanzielle Mittel und verärgere die KonsumentInnen. Markus Scholz illustrierte dies eindrucksvoll am Beispiel einer Werbeaktion einer deutschen Brauerei. Diese plakatierte vor einiger Zeit ein Sujet mit dem deutschen Fernsehstar Günther Jauch, auf dem dieser die KonsumentInnen aufforderte, Bier der betreffenden Marke zu kaufen. Für jede verkaufte Kiste Bier würde das Unternehmen einen Quadratmeter Regenwald „retten“.

Dieses Beispiel– so Scholz – zeige, wie Ethik und Transparenz für Unternehmen in inadäquater Weise für Marketingzwecke in Anspruch genommen werde. Von UmweltaktivistInnen wird ein solches Vorgehen übrigens als „Greenwashing“ bezeichnet. Auch die Zeit widmete dem Vorgehen des Unternehmens dazu einen Artikel (http://www.zeit.de/wirtschaft/2010-07/solidaritaet-marketing/komplettansicht).

Tatsächlich und nachhaltig umgesetzt brauchen Programme für mehr Ethik, Transparenz und gegen Korruption die vollkommene Überzeugung der Unternehmensführung, eine kluge Ausarbeitung und Umsetzung des Programms und den Willen der MitarbeiterInnen, dieses täglich aufs Neue zu leben.

GlaxoSmithKline und AstraZeneca setzen seit 2010 das ABAC-Programm um. Bei beiden Firmen gelten interne ABAC-Richtlinien, die für sämtliche MitarbeiterInnen gelten. Diese regeln unter anderem den Umgang mit Geschenken und Reisen sowie die Zusammenarbeit mit Amtsträgern („Government Officials“), Drittparteien und Zulieferern.

Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu mehr Transparenz sind die Regelung zur Veröffentlichung aller sogenannten „Transfers of Values“ an ÄrztInnen und Organisationen im Gesundheitsbereich ab Juni 2016, der alle Pharmaunternehmen folgen müssen.

Neben der Pharmaindustrie, als Teil des Gesundheitswesens, wurde auch über Ethik, Transparenz und Antikorruption bei der Vielzahl anderer Player dieses komplexen Systems diskutiert. Auch hier zeigt sich, wie sehr in den vergangenen zehn Jahren hier ein Umdenken eingesetzt hat – das gilt auch und gerade für den medizinischen Nachwuchs, für den ethisches Handeln im Beruf stetig wichtiger wird.

Nicht zuletzt spielen auch die Kostenträger im Gesundheitswesen in Bezug auf Transparenz, Ethik und Antikorruption eine wesentliche Rolle, etwa wenn es um die Finanzierung von Arzneimitteln, die Zusammenarbeit zwischen ÄrztInnen, Pharmaunternehmen und Kostenträgern und die optimale Versorgung von PatientInnen in Zeiten immer knapper werdender Ressourcen geht.

Einigkeit herrschte im Panel darüber, dass ethisches Handeln, Transparenz und wirksame Maßnahmen gegen Korruption kein einmal „übergestülptes“ Konzept darstellen. Vielmehr ist der Einsatz dafür ein Prozess, der laufend begleitet, evaluiert, erweitert und verbessert werden muss. Und – so die Diskussionsteilnehmer am Ende der Veranstaltung – auch der Diskurs über dieses Thema müsse in Folgeveranstaltungen weiter geführt werden.

 

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